Leseprobe zu „Killerviren“




All das wusste ich natürlich, als ich mit einem kleinen Passagierschiff auf der „Santiago“ eintraf, um mir auf „Sparik“ ersten Raumfahrlorbeer zu verdienen. Die Berichte, denen ich in den letzten Monaten begierig gelauscht hatte, hatten mich in dem Entschluss gestärkt, das sicher interessante, aber nicht wirklich aufregende Feld der Biologie zu verlassen, um mich für eine Pilotenausbildung zu bewerben, die ich im Spätherbst dieses Jahres beginnen würde. Trotzdem war ich erstaunt, zu so vorgerückter Stunde – es war bereits weit nach neun Uhr abends – ein solches Gewühl von Menschen fast aller Alters- und Berufsgruppen in der Messe der „Santiago“ anzutreffen. Nur mit Mühe erspähte ich einen freien Stuhl an einem der Vierertische. Die beiden anderen Plätze waren von zwei Piloten der Raumsicherheit belegt, und die vierte Sitzgelegenheit hatte man an einen der Nachbartische gerückt.
Ich nahm Platz und bestellte bei dem herbeieilenden Servierroboter einen Mexicanischen Kaffee. Ich kam nicht umhin, die Geschicklichkeit zu bewundern, mit der die putzigen Automaten durch das Geknäul von Menschen und Möbeln huschten. Es dauerte nicht lange, bis ich das Gewünschte erhielt.
Während ich trank, sah ich mich in dem Raum um, der wahrhaftig von beinahe allem bevölkert wurde, was die Menschheit an Charakteren und Berufen zu bieten hatte. Ich entdeckte kräftige Burschen in den Uniformen der Zivilen Einsatzflotte neben jungen, fast zart wirkenden Frauen in den blauen Overalls der Mediziner, das Emblem der Kundschafter fand sich genauso wie das der Raumsicherheit, Wissenschaftler berieten sich mit Technikern, die durch das Rot ihrer Kleidung auffielen. Doch so angeregt die Diskussion auch zu verlaufen schien, von Fröhlichkeit oder gar Ausgelassenheit war nichts zu spüren, denn die Rückkehrer von „Sparik“ hatten den Neuankömmlingen, von denen sie befragt wurden, kaum Erfreuliches zu berichten. Manch einer wich auch allen Gesprächen aus und hatte den Kopf auf die Arme gebettet, um ein wenig auszuruhen.
Mein Blick fiel auf meine Tischgenossen, die offenbar gerade von „Sparik“ gekommen waren. Der Brünette, der mir gegenüber saß, hatte sich, die Hände tief in den Taschen vergraben, müde zurückgelehnt und die Augen geschlossen. Um seinen Mund hatte sich ein bitterer Zug eingegraben, und ich fragte mich, was die Männer wohl erlebt haben mochten, als ich den Blick des zweiten auf mir ruhen spürte. Ich sah zu ihm hin. Auch er wirkte müde und abgespannt, obwohl er lächelte, als er mich ansprach.
„Sie haben ,Sparik‘ noch vor sich?“, fragte er.
Ich bejahte.
„Als Pilot?“, wollte er wissen.
„Nein, ich … bin Biologe“, antwortete ich.
Der Mann nickte und schwieg. War ihm mein Zögern aufgefallen? Ich hatte zuerst erzählen wollen, dass ich den Pilotenpass erst noch erwerben wollte, mich dann jedoch darauf besonnen, dass den Männern jetzt sicher nicht nach langen Geschichten über Klein-Mädchen-Träume zumute war. Wenngleich ich mir vorstellen konnte, dass ich mich bei einer Begegnung unter angenehmeren Umständen diesem Mann leicht anvertraut hätte. Er erinnerte mich an Philip, nicht nur seiner dunklen Haut und dem tiefen Braun seiner Augen wegen. Es war eher der Eindruck, den sein offener Blick und sein warmes Lächeln bei mir erzeugte, der mich zu dem Gedanken verleitete, dass ich diesen Mann vielleicht sogar sympathischer finden könnte als Phil.
Der Pilot reichte mir die Hand und stellte sich vor: „Ricardo Thomas. Und das“, er wies auf den Mann neben sich, „ist mein Partner Jon Donald.“ Der Genannte blinzelte, richtete sich auf und reichte mir ebenfalls die Hand. Seine graugrünen Augen, an denen mir ihr eigenartiger, fast dreieckiger Schnitt auffiel, ruhten sekundenlang forschend auf meinem Gesicht. Eine Geste, die mich immer ein wenig verlegen macht, so dass ich diesem Blick auswich, was ich dadurch zu überspielen suchte, dass ich mich meinerseits vorstellte und ein Gespräch anknüpfte: „Fliegen Sie jetzt nach Hause oder noch mal nach ,Sparik‘?“
„Nach Hause – das wäre schon nicht schlecht“, antwortete Jon Donald tief durchatmend, und der andere erklärte: „Wir machen nur eine kurze Pause hier. Morgen geht’s wieder los.“
„Ja“, warf Donald müde ein, „wenn sie uns den Quick nicht sperren!“
„Ihr Schiff?“, fragte ich nach.
Thomas nickte: „Der Autopilot hat irgend einen Knacks weg. Kann sein, dass uns die Kontrolle sperrt deswegen, bis der Schaden behoben ist. Obwohl einem der Autopilot sowieso nichts nützt da oben.“
Das wunderte mich, denn ich hatte angenommen, dass die Piloten bei ihren Kämpfen gegen die Mutanten keine Zeit hätten, um auch noch das Schiff selbst zu steuern. Auf meine Frage hin lachte Jon Donald nur leise unfroh auf und schloss demonstrativ die Augen.
Ricardo dagegen fragte: „Sie haben keine Ahnung vom Navigieren?“
Im Gegensatz zu Donald spürte ich bei Ricardo deutlich, dass er diese Worte nicht abfällig meinte, und antwortete ganz offen, indem ich ihm von meinen diesbezüglichen Plänen erzählte.
„Wissen Sie“, entgegnete Ricardo Thomas, „das Heimtückischste an den Monstern ist nicht, dass sie Menschen angreifen, denn das tun sie gar nicht. Auch wenn es manchmal so ausieht. Aber sie greifen die Technik an, verstehen Sie? Anfangs haben sie sie zerstört. Zerstrahlt und zerschossen und so. Aber dabei haben sie oft genug selbst etwas abgekriegt von den Trümmern und der Hitze. Dann haben sie kleine Ladungen abgefeuert und damit die Technik nur außer Betrieb gesetzt. Damals dachten wir schon, wir hätten sie, weil dagegen die normalen Schutzschilde ausreichten. Die Mutanten hatten damals ziemliche Verluste, wir verloren vier Tage lang nicht ein Schiff. Man musste nur die Schilde in Bereitschaft halten und zuziehen, wenn die Sensoren irgendwas meldeten, und konnte dahinter abwarten, die Strahler nachladen und wenn denen die Lust verging: Schnell den Schild auf und feuern! So haben wir beide auch angefangen.“
Er deutete mit einer flüchtigen Handbewegung auf sich und seinen Partner, um sogleich fortzufahren: „Aber diese Biester haben schnell mitgekriegt, dass es so nicht gut für sie ausgeht. Ihre neue Masche ist jetzt, dass sie die Sensoren schocken. Da siehst du zum Beispiel plötzlich Blümchen auf dem Monitor. Das ist noch der günstigste Fall, weil du dann weißt, dass du praktisch blind fliegst. Du kannst dich darauf einstellen. Oft genug haben die Leute es aber nicht oder zu spät bemerkt und sind in die Bomben hinein geflogen. Im Moment sieht es so aus, dass die Monster sogar in quasiintelligente Systeme eingreifen. Vorzugsweise in die Autopiloten. Eigenartigerweise nie in die Direktsteuerung, obwohl da auch genügend Automatik drin steckt. Nur dadurch sind wir überhaupt noch in der Lage, im Umfeld von ,Sparik‘ zu manövrieren. Per Hand und nach Blick aus dem Bullauge. Das ist verdammt hart, weil du ständig aufpassen musst, dass dir die Monster nicht dein eigenes Geschoss hinten ins Triebwerk setzen. Und auf die Kameras kann man sich ja nicht verlassen.“
So hatte ich das noch nicht gehört. Auf der Erde hatte man nur immer wieder aufgezählt, wie viele Schiffe den Monstern zum Opfer gefallen waren und wie viele Mutanten in erfolgreichen Gegenangriffen vernichtet werden konnten. Von den Kampfbedingungen fiel kaum ein Wort, und ich musste mir eingestehen, dass ich mir die Monster noch immer als zähnefletschende, steinewerfende und feuerspeiende Untiere vorstellte, obwohl ich wusste, dass sie dann nicht so verheerend auf die nahe an ,Sparik‘ vorbei führenden Schiffsrouten hätten wirken können. Wären die Mutanten tatsächlich solche Wirklichkeit gewordenen Märchendrachen, hätte man die Biostation ihnen überlassen können und brauchte nicht diesen Aufwand zu betreiben, um sie zu vernichten. Doch zum Unglück beschränkten sich die Fähigkeiten der Mutanten eben nicht auf Zähnefletschen und Feuerspeien, und ihr Ziele suchten sie sich auch längst nicht mehr nur innerhalb von ,Sparik‘, sondern außerhalb der Panzerung. Und ihr Wirkungsradius schien sich beständig auszudehnen.
Eigenartig fand ich jedoch die Behauptung des Piloten, die Monster würden nicht die Menschen angreifen, sondern hätten es nur auf die Technik abgesehen. Ich fragte ihn, wie er zu diesem Schluss käme, und er antwortete: „Die Mutanten haben zum Beispiel nie einen Mitarbeiter auf ,Sparik‘ angegriffen. Dass man die Leute da rausholen musste, lag nur daran, dass die Mutanten nach und nach alle Lebenserhaltungssysteme lahmlegten. Außer denen, die sie selbst versorgen. Die Leute mussten zum Schluss in die Gewächshauser ziehen, um zu überleben. Sie konnten sich aber unter den Mutanten frei bewegen. Sie versuchten natürlich, gegen diese … Tiere sind es wohl nicht richtig … Tierpflanzen? … gegen sie vorzugehen. Ziemlich erfolglos. Die Monster blockierten die Waffen, ließen sie im wahrsten Sinne des Wortes nach hinten losgehen. Es gab etliche Tote auf diese Weise. Es ist aber zum Beispiel nie jemand erschlagen worden, obwohl die Monster wohl ziemliches Geschick im Umgang mit Knüppeln erreicht hatten.“
„Und wie kommt man da überhaupt an sie ran?“, fragte ich.
„Kaum“, antwortete Ricardo lakonisch. „Wir schießen massenhaft Löcher in die Panzerung von ,Sparik‘, und die Monster benutzen sie als Ausstiegsluken. Sie haben eine raumfeste Spezies entwickelt, die als Armee gegen unsere Schiffe antritt. Wie es drinnen aussieht, weiß keiner. Aber offenbar kommen die Viecher ziemlich gut zurecht. Nach dem Zuwachs zu urteilen, den ihre Armee ständig erhält …“
Wir waren so in das Gespräch vertieft, dass wir nicht bemerkt hatten, wie eine Frau im roten Overall an unseren Tisch getreten war. Erst als sie die Piloten ansprach, sahen wir alle drei auf.
„Schlechte Nachricht“, sagte die Frau, die sicher sehr schön sein mochte, wenn sie ausgeruht und etwas zurechtgemacht war. „Ihr müsst den Quick zur Generalreparatur bringen. Die gesamte Steuertechnik ist durcheinander. Ihr sollt einen Laster nehmen und euer Schiff anhängen. Der Laster hat ’n paar Wracks an Bord, die zur Erde sollen. Und da ihr sowieso nichts anderes tun könnt …“
„Ach Scheiße!“ Jon Donald schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, dass die Tassen sprangen und ich schon fürchtete, dass ich den Kaffee auf meinem nagelneuen Anzug wiederfinden würde. Der Weiße erhob sich fluchend, legte dem Farbigen die Hand auf die Schulter und sagte: „Na komm, Partner! Ab nach Hause!“ Zu mir gewandt fügte er hinzu: „Und Ihnen viel Glück!“ Er lächelte mir zu, wenn auch weniger herzlich als es Ricardo tat.
Als ich den beiden Männern nachsah, fühlte ich mich an Mike und Jim erinnert. Ja, Jon Donald und Ricardo Thomas hätten durchaus die Vorbilder für die TV-Helden sein können. Philip fiel mir ein, und ich überlegte, wie es den Kindern gehen mochte.