„Der letzte Tag im Paradies“

Eine Geschichte aus der Vorzeit der Warén-Welt
erschienen in „Am Ende des Regens“
und in „Am Anfang war der Irrtum“
Für den Kurd-Laßwitz-Preis in der Kategorie „Beste deutschsprachige SF-Erzählung mit Erstausgabe von 2014“ nominiert.


Das All ist alt und lange vor dem Erscheinen der Menschen haben sich Zivilisationen entwickelt und sind wieder untergangen.
Die Nagha-Allianz gehört dazu. In ihrer Blütezeit umfasste sie Dutzende bewohnte Planetensysteme, kriegerische Auseinandersetzungen von Mitgliedswelten untereinander brachten sie aber in Schwierigkeiten. Um unbehelligt Forschung – auch und vor allem militärische – betreiben zu können, bewegte man einen Planeten von seiner erlöschenden Sonne fort in einen geheimen Raumsektor, stattete ihn mit künstlichen Sonnen aus und siedelte die besten Forscher der Allianz hier an.

Auch Eferent kam deshalb hierher. Statt Kriegsforschung interessiert ihn jedoch vor allem, wie man das Leben der Menschen verbessern kann, insbesondere Rohstoff- und Nahrungsmangel machen dem einfachen Volk zu schaffen. Als der Druck auf ihn wächst, sich an der Entwicklung von Waffen zu beteiligen, gelingt es ihm, sich dem zu entziehen. Zumindest glaubt er das.


 

„Der letzte Tag im Paradies“
Leseprobe


Eferent war verärgert. Dafür hatte er den Duplikator nicht erfunden! Er wollte etwas entwickeln, das aus Abfällen Rohstoffe erzeugen konnte, vielleicht sogar Nahrung. Er hatte den Mangel, den er als Kind erleben musste, besiegen wollen. Sie sagten ihm, dass er genau das tun könne, hier auf dem Planeten. Deshalb kam er damals mit seiner Frau hierher, auf diese Welt ohne Namen, die in keiner Sternenkarte verzeichnet war. Und zwar nur deshalb!
Das Gartentor knarrte unwillig, als Eferent es öffnete. Der Monteur war wohl noch immer nicht dagewesen, um es zu richten. Eferent betrat das Grundstück und schloss das Tor hinter sich. Ein Vogel setzte sich auf dessen obersten Holm und sah Eferent an. Eferent musste lächeln. Sein Ärger verflog. Beschwingt ging er den Pfad durch das herbstliche Grün, genoss das Farbenspiel der üppigen Blumenrabatten und bemerkte einmal mehr, mit welch liebevoller Sorgfalt seine Frau den Garten pflegte. Der Gedanke erwärmte ihn und mit dieser leichten Stimmung betrat er das Haus.
Seine Frau erwartete ihn bereits im Vorraum.
„Hallo, Tiri“, sagte Eferent, während er seine Tasche abstellte. „Ich hoffe, du hattest einen schönen Tag.“ Er trat zu ihr, um sie wie gewohnt auf die Stirn zu küssen.
Tiriane wich ihm aus. Sie hielt ihm irgendetwas aus Stoff vor die Nase. „Was ist das?“ „Was ist was?“ Eferent trat einen Schritt zurück, um das Ding zu betrachten.
Tiriane warf es ihm ins Gesicht. „Überstunden!“, rief sie. „Dass ich nicht lache! Wichtige Experimente! Ha! Jetzt ist klar, was du für Experimente machst!“
Eferent hatte das Stoffding genommen und entfaltet. Es war ein Taschentuch, offenbar von einer Frau. „Was … Ich verstehe nicht.“ Er sah Tiriane fragend an.
„Du verstehst sehr gut, mein Lieber! Das da …“, sie zeigte auf das Tuch, „… habe ich in deiner Jackentasche gefunden! Das ist wahrscheinlich so was wie eine Trophäe von einer deiner …“, sie suchte nach dem passenden Wort, „… Assistentinnen!“
„Ich kenne das Tuch gar nicht, ich …“
„Ach hör doch auf!“ Sie drehte sich um und ging ins Wohnzimmer.
Er folgte ihr. „Tiriane, bitte! Ich habe keine Ahnung, wie das da hinkommt oder von wem das ist!“
Sie ging bis an Fenster und drehte sich um. Eferent konnte im Gegenlicht der zweiten Sonne kaum mehr als ihre Silhouette erkennen. Er trat näher und streckte die Hand aus.
„Fass mich nicht an! Deine Versprechungen, alles gelogen!“
„Aber …“ Ärger stieg in ihm auf.
„Du hast versprochen, dass das aufhört!“
„Das habe ich nicht, denn da war nichts, was hätte aufhören können! Tiri, bitte! Warum um alles in der Welt kannst du mir nicht einfach glauben?“
„Wegen dem da“, sagte sie und zeigte auf das Tuch, das Eferent noch immer in der Hand hatte.
„Aber ich habe wirklich keine Ahnung …“ Er atmete tief durch, um sich zu beruhigen. „Tiri, Schatz! Ich weiß nicht, wie du auf die Idee kommst, ich könnte eine Affäre haben. Oder sogar mehrere Affären. Wer immer dir da etwas in dieser Art erzählt hat: Er lügt. Ich …“
Sie ging an ihm vorbei.
„… weiß nicht, was ich noch tun soll, damit du mir glaubst.“
Sie blieb stehen, wandte sich um. „Weißt du“, sagte sie seltsam sachlich, „vielleicht würde ich dir sogar verzeihen. Wenn du es zugeben würdest. Aber dass du mich so anlügst … Nein, Eferent, das ist einfach zu viel.“
Sie ging noch am selben Abend. Ihre Taschen hatte sie offenbar schon am Tage gepackt. Sie werde zur Farm fahren, hätte dort einen Arbeitsplatz bekommen, teilte sie ihm mit. Er fragte nicht, wann sie sich darum gekümmert hatte. Er fragte gar nichts, sagte nichts. Er fühlte sich wie betäubt, hatte nicht einmal mehr die Kraft, um Verstehen zu ringen. Als draußen die Tür schlug, ließ er sich auf einen Sessel fallen. Dort saß er am Morgen immer noch.
Als vom Schlafzimmer her das Signal des Weckers zu ihm durchdrang, erhob sich Eferent, ging ins Badezimmer und erledigte seine Morgentoilette. Er zog frische Kleidung an, verließ das Haus und ging ins Institut. Mechanisch erwiderte er die gelegentlichen Grüße, mechanisch legte er seine Jacke ab und zog den Kittel über. Er betrat den zukünftigen Steuerraum des Duplikators und begann, die Sensoren abzugleichen.
Gegen Mittag konnte er einen Testlauf starten. Er trug einen Probekörper in die Ablesekammer, setzte die Temperierung in Gang und ging zurück zum Steuerpult.
„Du bist schon fertig?“, fragte ihn jemand von hinten.
Eferent sah sich kurz um. Gufan war eingetreten. In der Hand hielt er eine dick belegte Brotscheibe, die er offenbar gerade zu essen beabsichtigte.
„Und?“, fragte Gufan. „Geht’s?“
Eferent sah auf die Anzeigen und regelte etwas nach.
„Wenn du alles allein machst, werden die dich gar nicht weglassen. Keiner kennt die Anlage so gut wie du.“
„Ich habe sie entworfen“, erwiderte Eferent und schloss die Simulationskonsole an.
„Stimmt.“ Gufan biss von seinem Brot ab. „Hm!“, machte er. „Dasch isch gutt!“
Eferent startete die Simulation.
„Wiescho“, nuschelte Gufan, „kühlscht du no ab?“
Eferent drehte sich zu ihm um. „Wieso ich es abkühle?“
„Scha.“ Er schluckte. „Ja. Ich denke, es geht auch so.“
Eferent verstand nicht. „Die Ablesung wird zu ungenau, wenn die Moleküle zu sehr in Bewegung sind.“
„Aber Lokarin hat doch gestern die Toleranzen verringert.“
„Lokarin? Der hat nur das neue Modul eingebaut.“
„… und damit die Toleranzen verringert. Das war doch deine Idee.“ Er sah Eferent fragend an. „Oder?“
Eferent zögerte. Natürlich hatte er mal so etwas gesagt. Damals war vom Duplizieren von Waffensteuerungen die Rede gewesen, Nanoelektronik, bei der die Ablesung hochpräzise sein musste.
„Lokarin und sein Team haben die neuen Module extra dafür gebaut“, sagte Gufan.
„Das wusste ich nicht.“
„Willst du mich veralbern? Das halbe Institut arbeitet doch deinem Projekt zu!“
Eferent musterte Gufan. Der meinte das ernst. Vielleicht hatte er sogar recht. Wenn Eferent es recht bedachte, dann bekam er in der Tat immer innerhalb kürzester Zeit genau die Bauteile, die er brauchte. Er hatte angenommen, dass die Institutsleitung einfach gute Verbindungen pflegte und das jeweils Passende in einer der vielen Nagha-Republiken auftrieb.
„Du bist heute nicht ganz bei der Sache, oder?“, fragte Gufan.
Eferent wandte sich ab.
„Was ist? Du warst ja nie gesprächig, aber heute bist du geradezu stumm.“
„Ich … habe nicht gut geschlafen.“
„Hat Tiris Schlummertrunk versagt?“ Gufan kicherte anzüglich.
„Sie … Sie ist verreist.“
„Mhm.“ Er kaute schon wieder. „Allein?“
„Ja.“ Eferent versuchte, das Thema zu wechseln. „Es ist zu früh.“
„Dasch schie verreischt isch?“
„Der Duplikator. So eine große Anlage zu bauen.“
„Aber …“ Er schluckte hörbar. „… wir brauchen so große Kammern, damit die Teile dupliziert werden können. Nur wenn wir möglichst umfassende Module herstellen, lohnt sich der Einsatz als Waffenduplikator. Die Einzelbauteile könnten wir auf herkömmliche Weise billiger und schneller herstellen, es ist die Montage, die so viel Zeit kostet. Und die Prüfungen, ob alles korrekt ist. So stellen wir in die eine Kammer ein geprüftes Modul, füllen die Rohstoffkammer und auf Knopfdruck gibt es das perfekte Duplikat. Und wenn wir die Steuermodule auch noch …“
„Gufan!“ Mit einem Handschlag auf den Notknopf stoppte er die Simulation. „Ich weiß, wie mein Duplikator funktioniert, Gufan. Er ist nur nicht für so was gemacht.“
„Für was? Für Waffen? Es ist Krieg, Eferent!“


 

„Der letzte Tag im Paradies“


Auf www.scifinet.org schreibt Herr Schäfer unter anderem:
„Diese wieder etwas längere Geschichte vermittelt Intrige, Verrat, Naivität und Science Fiction in einem Plot, der interessant und spannend zu lesen ist. Dem Leser sollten die Widersprüche und die Hinweise auffallen, da der Protagonist selbst nicht auf die richtigen Gedanken kommt. Es sind nur Kleinigkeiten, die Jonack nutzt, um das Geschehen in seiner Gänze für den Leser darzustellen. Es sind auch Hinweise, die der Protagonist hätte deuten können, doch mehr als ein vages Unwohlsein kommt bei ihm nicht auf. Somit endet die Geschichte tragisch, aber konsequent, und hinterlässt den Eindruck guter und spannender Unterhaltung. Hier stimmen nicht nur Setting und Charakterisierung, sondern auch die grundlegenden Handlungselemente und der Stil wirken überzeugend. Zwar gibt es keine großen Überraschungen, aber durch die geschickt ausgelegten Hinweise entsteht das Verständnis im Verlauf der Geschichte, womit sie ihren Sog erzeugt. Rundum gelungen.“

Links zu den Büchern: