Leseprobe 2 aus „Allein oder Das Erbe der Terraformer“



Die Vorabsonde war heil zurückgekehrt. Sie hatte freien Raum gemeldet. Das erste Shuttle meldete ebenfalls freien Raum, aber es kehrte nicht zurück. Auch das zweite Shuttle kam nicht zurück – Ines Braun sah es in dem Knoten verschwinden, und als der angehaltene Atem in ihrer Brust zu schmerzen begann, kam endlich Nachricht. Ein Hilferuf. Eine Geste von Braun genügte, und das Galaxy Ship tauchte dem Shuttle nach. Es durchbrach den Knotenhorizont, die Brückencrew starrte auf alle verfügbaren Anzeigen und Ines Braun – als Erster Offizier der GS3 Horizon im Moment Kommandant des Schiffes – fühlte jede Regung ihrer Leute. Nichts konnte ihr entgehen. Nichts durfte ihr entgehen. Da waren drei Männer draußen, für die sie die Verantwortung trug.
„Was ist passiert?“, fragte Stanislaw Tich beim Eintreten.
Braun wandte sich zum Captain um. „Ein Notruf. Wir sind gefolgt. Wir müssten gleich …“ Sie sah auf den Hauptbildschirm. Die Nebel des Knotendurchtritts hatten sich aufgelöst, leerer Raum lag vor ihnen. Ein Sternenmeer prangte wie eine strassbesetzte Stoffkulisse hinter dem Schwarz der Bühne. So nah am Zentrum war die Pracht atemberaubend. Braun sah es, erkannte es. Aber sie konnte es nicht fühlen. Auf der Bühne fehlten die Darsteller: Keines der Shuttles war zu sehen.
„Koordinaten?“, fragte Tich.
„Wie berechnet“, erwiderte Ardy Kusuma vom Navigationspult her.
„Zeit?“, fragte Braun.
„Zeit, Sir?“
Sie sah zu Kusuma „Ja genau: die Zeit. Gibt es einen Hinweis auf eine Änderung im Zeitlauf?“
„Nein, Sir. Nicht … auf den ersten Blick.“
„Dann werfen Sie noch drei oder vier weitere Blicke! Irgendwo müssen die Shuttles ja sein. Oder irgendwann.“
„Aye, Sir. Sofort, Sir.“
Braun spürte Tichs Blick. Sie erwiderte ihn. Er wusste doch, dass die Idee so abwegig nicht war! Wortlos ging Tich in den Captainsraum hinüber, Braun folgte ihm.
Als sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, sagte er: „Das ist kein Zeitknoten, Ines, das weißt du.“
Sie holte tief Luft. „Ja ich weiß, ich hab’s tausendmal durchgerechnet. Aber ich habe keine andere Idee.“
„Ein zweiter Ausgang?“, schlug Stanislaw Tich vor.
„Auch das hab’ ich tausendmal durchgerechnet.“
„Ich will dir nicht zu nahe treten, aber du bist Biologin, keine Astrophysikerin.“
„Ja, aber diese Formeln kenne ich, Stan, diese Formeln kenn’ ich.“
„Nur wie gut? Was ist zum Beispiel mit dem Einfluss der Krümmungskonstante, die so konstant erwiesenermaßen gar nicht ist?“
„Ach verdammt, Stanislaw! Ich will doch nur … eine Spur! Eine Idee! Einen Hinweis, wo wir suchen sollen.“
Er seufzte. „Ich weiß. Den hätte ich auch gern. Aber deine …“
Die Tür öffnete sich. Braun und Tich drehten sich um. Niemand kam herein. Dann schloss sich der Eingang wieder.
Tich ging zur Tür. Sie öffnete sich. Er trat einen Schritt in die Zentrale hinaus und sah sich fragend um. Die Brückencrew schaute fragend zurück.
„Was ist?“, erkundigte sich Braun und kam ebenfalls in die Zentrale.
Tich hob die Schultern.
„Sir, ich habe etwas gefunden“, meldete sich Kusuma. „Sie hatten recht. Wir sind nicht dort, wo wir sein sollten. Die Abweichung ist minimal, der Computer hatte sie als Steuerungsfluktuation interpretiert.“
„Ursache?“
„Keine Ahnung, Sir. Vielleicht haben wir den Knoten einfach falsch berechnet, irgendwas in den Daten der Föderation übersehen. Oder bei den vielen Datensätzen war ausgerechnet bei dem einen hier ein Fehler drin. Soweit wir wissen, benutzt die Föderation die Knoten nicht als Reisehilfen.“
„Okay.“ Braun versuchte, ruhig zu bleiben. „Was genau ist das für eine Abweichung?“
„Es ist eine minimale Ortsdifferenz. Kaum zu bemerken, die Sternpositionen variieren gegenüber der erwarteten Position.“
„Wie viel?“
„Wie viel was?“
„Kilometer. Um wie viele Kilometer sind wir falsch?“
„Das … eh … Sir, das ist schwer zu sagen.“
„Wo liegt das Problem?“
„Sir, wir, eh …“ Ein schriller Ton unterbrach ihn.
„Was ist das?!“, schrie Tich.
Ehe noch jemand antworten konnte, verstummte das Schrillen. Dafür erklang ein Warnsignal von den internen Terminals her. „Umweltkontrolle ausgefallen“, meldete der dort stehende Jussef Skah, „auf den Decks zwei, fünf und …“ Er sah zu Tich und Braun. „Alles wieder in Ordnung, Sirs.“
Ines Braun fühlte, wie ihr übel wurde. Alte Erinnerungen quollen in ihr auf. Neben ihr begann Tich zu husten. Braun wandte sich zu ihm, da versagten ihre Beine. Jetzt roch sie es: Abgase. „Raus“, versuchte sie zu rufen, „raus!“ Dann wurde ihr schwarz vor Augen.