„Am Ende des Regens“
Leseprobe


Der Regen war still und stetig. Der Krst trottete neben Rstr her und sah ab und an zu dem Trrk auf. Rstr reagierte darauf, indem es gelegentlich den Kopf des Tieres tätschelte.
Das Trrk und sein Gefährte gingen landeinwärts. Rstr versuchte, nicht an das tote Tier zu denken, das hier irgendwo in der Nähe lag. Oder vielmehr, dessen Reste hier liegen mussten. Stattdessen grübelte das Trrk an dem äußerst belanglosen Thema herum, ob der Krst zufrieden war. Auf dem Festland war der Beginn des Regens auch die Zeit, an dem sich viele Weichhäuter paarten. Vielleicht war der Krst ja deshalb so ruhig, weil er instinktiv ein Weibchen vermisste.
Die Trennung der Geschlechter bei Weichhäutern war ein Phänomen, über das Rstr oft nachdachte. Eigentlich war diese Trennung doch uneffektiv. So brauchten diese Tiere oft spezielle Fähigkeiten, nur um einen Paarungspartner des jeweils anderen Geschlechtes zu finden. Und trafen dann mehrere Tiere zusammen, musste durch Balzrituale der bevorzugte Partner gefunden werden. Die abgelehnten Partner wurden aus der Fortpflanzungskette ausgeschlossen. Wären sie Zwitter, könnten sich dann wenigstens noch die zweit- und drittstärksten, viert- und fünftstärksten und so weiter paaren. Es gäbe mehr Nachwuchs.
Andererseits – so überlegte Rstr, nur um die Erinnerung an das zerfressene Gesicht zu übertönen – konnte das Prinzip von männlichen und weiblichen Individuen nicht gänzlich falsch sein. Immerhin trat es bei den meisten Tieren auf. Genaugenommen bei allen größeren Tieren außer den Ksssk. Fast schien es, als wollten die Schöpfer damit zeigen, dass die Ksssk etwas ganz besonderes waren. Nun – die Trrk, die ja auch zu den Ksssk gehörten, waren es auf jeden Fall: Sie wussten von den Schöpfern und konnten ihnen danken.
Ein Tier huschte vor Rstr über den Weg und schreckte das Trrk auf. Der Krst bellte halbherzig und sah zu Rstr auf.
„Wir sind gleich da“, sagte das Trrk. „Und wir bleiben auch nicht lange. Ich muss nur prüfen, wie reif das Korngras ist.“
Rstr spürte den Ort mit dem toten Bunthäuter hinter sich liegen und erinnerte sich, wie es das Korngras gefunden hatte. Rstr hatte in den ersten Tagen des Prüfungsjahres die Insel erkundet und auf dieser Seite einen Hügel bestiegen. Auf dessen Kuppe hatte sich die Lichtung aufgetan und Rstr hatte verwundert ein ganzes Feld mit vorjährigem Korngras entdeckt. Erst hielt Rstr es für einen erfreulichen Zufall. Inzwischen vermutete es darin ein heimliches Geschenk der Prüflinge vor ihm.
Der Dschungel öffnete sich und gab den Blick auf das Feld frei. Es wogte gelb und lockend. Der Krst lief mit hohen Sprüngen mitten hinein.
„Komm zurück!“, rief Rstr. „Du zertrittst ja alles!“
Den Krst interessierte das nicht, er tobte weiter durch das Gras.
Rstr brach eine Ähre am Rand des Feldes und öffnete eines der Körner. Es war schon mehlig, doch noch nicht ganz ausgereift. Rstr würde das Getreide in wenigen Tagen ernten können. Zur Kontrolle wollte Rstr noch eine zweite Ähre prüfen. Er streckte die Hand aus und erstarrte: An vielen der Halme waren die Ähren abgebrochen.
Rstr beugte sich hinab. Es gab keinen Zweifel. Die Halme waren gebrochen. Nicht abgerissen, nicht abgebissen, sondern einzeln abgebrochen worden.
Das Trrk richtete sich auf und sah sich aufmerksam um. Doch bis auf den Krst, der immer noch durch das Gras hopste, und einen Ksskt, der über der Lichtung kreiste, konnte Rstr kein Tier entdecken. Und nichts deutete auf die Gegenwart eines Geistes hin. Obgleich Rstr nicht hätte sagen können, wie sich so eine Präsenz äußerte, war es sich auch darüber sicher. Und das war das eigentlich Beunruhigende.
„Komm her!“, rief Rstr dem Krst zu und wider Erwarten kam das Tier mit Riesensprüngen übers Feld gerannt. Es setzte sich auf die Hinterpfoten und sah fragend zu Rstr hoch.
„Komm her, wir sehen uns mal die alte Hütte an“, sagte Rstr und ging am Feldrand entlang.
In einer Bucht der Lichtung standen die Überreste einer Unterkunft. Von den Wänden war nur die löchrige Rückfront übrig geblieben, das Flechtwerk der Seiten lag morsch am Boden. Nur die Eckpfosten und das massive Holzdach hatten den vergangenen Jahren standgehalten. Rstr überlegte, ob es die Hütte reparieren sollte, um sie als Zwischenlager für Holz oder das Getreide nutzen zu können. Oder als Unterkunft für die Erntezeit. Rstr könnte hier schlafen, das Korngras hier dreschen und hätte so weniger in seine eigene Hütte zu tragen.
Automatisch schaute Rstr nach der alten Feuerstelle. Die Steinfläche schien intakt zu sein. Holzreste befanden sich darauf, sogar Asche. Und das sollte sie nicht. Sie hätte längst verweht sein müssen. Das Trrk legte prüfend die Hand auf die Steine und spürte einen Hauch Wärme. Hier hatte vor einigen Stunden noch ein Feuer gebrannt.
Rstr sah sich in der Hüte um, erkannte jetzt, wo es danach suchte, auch noch andere Anzeichen für die Gegenwart von … ja wovon eigentlich? Ein Tier hätte keine Feuer entzündet, und auch ein Geist hätte das sicher nicht getan. Ein weiteres Trrk? Vielleicht ein Ausgestoßenes. Oder ein Prüfling eines anderen Stammes. Nein, jeder Stamm hatte seine eigene Einsame Insel.
Der Krst knurrte drohend. Rstr tauchte aus seinen Gedanken auf und schaute, was das Tier aufregte. Es war ein Stein, der auf dem notdürftig reparierten Lagergestell lag. Rstr nahm ihn in die Hand. Er fühlte sich kühl an und glänzte mattweißlich. Der Stein war oval und lag angenehm in der Hand. Rstr steckte ihn ein.
Der Krst stupste Rstr an und blickte fordernd in die Richtung, wo das Signalfeuer brannte.
„Wir gehen gleich“, beruhigte Rstr das Tier. „Ich will nur noch mal sehen, ob ...“ Es ließ den Satz unvollendet, denn eigentlich wusste es selbst nicht, wonach es noch suchte. Es glaubte, einen Fußabdruck entdeckt zu haben, erkannte dann aber, dass es dem Schattenspiel der Äste über der Hütte aufgesessen war, und richtete sich auf. Der Krst nahm das als Signal, sprang senkrecht in die Höhe, landete und stürmte Richtung Klippe davon.
Der Himmel war blutrot, als Rstr am Signalfeuer ankam. Die Flammen waren klein geworden und tauchten das Plateau in ein koboldisches Licht. In den Fugen der Holzstapel schienen kleine Tierchen hin und her zu huschen. Ein Aststück lag zwischen Vorrat und Feuer und warf einen schwarzen, unruhigen Schatten.
Der Krst drückte sich eng an Rstr und äugte ängstlich zu den Büschen am Plateaurand. Auf deren Blättern summte der Nieselregen. Leise Geräusche, die hätten Gefahr ankündigen können, verschwanden unter dem Rauschteppich.
Rstr, der unterwegs Holz gesammelt hatte, schichtete es nun unter das neue Steindach nah am Feuer. Von dem Vorrat aus dem Sommer holte das Trrk ein paar Aststücke, um damit das Signalfeuer zu füttern. Es trug die Stücke zu den Flammen … und sah, dass bereits jemand Holz nachgelegt hatte. Derjenige musste es erst vor kurzem von dem noch frischen Stapel genommen haben, denn das Feuer hatte dieses Holz noch nicht erfasst. Ab und zu knackte das Holz in den Flammen und eine kleine Wolke verdampfenden Saftes puffte in die werdende Nacht.
Rstr starrte in die Flammen, die sich mit dem frischen Holz mühten. Der gelbrote Schein brach sich in den Kratzern auf den Augenschalen des Trrk und wob dabei ein Netz aus feinen Reflexen, hinter deren Schleier sich irgendetwas Unheimliches verbarg.
Das Trrk ließ seine Fühler spielen. Die Luft roch nach Regen und nassem Rauch, ein wenig nach Meer und ein wenig nach wundem Holz. Alles schien friedlich. Zu friedlich. Einlullend friedlich. Das machte Rstr Angst. Zum ersten Mal, seit es auf der Insel war, hatte Rstr wirkliche, lähmende Angst. Der Gedanke, das Signalfeuer einfach zu löschen und so die Alten zu rufen, wurde so stark, dass Rstr ihn fast greifen konnte. Schon sah es sich Wasser in die Flammen schütten, da riss das Trrk sich aus der Trance und lief zur schützenden Hütte.


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