„Der schönste Name der Welt“


Leseprobe

Am nächsten Morgen stand Prinz Paul noch vor dem ersten Hahnenschrei auf. Er duschte sich kalt ab, damit er richtig munter wurde, putzte sich die Zähne und zog sich an. Dann ging er in die Schlossküche, um zu frühstücken. Er machte sich vier große Wurstbrote, steckte sie in seinen Proviantbeutel und legte noch drei Äpfel dazu.
Nachdem er seinem Vater Lebewohl gesagt hatte, schwang sich Paul auf sein Pferd und ritt aus dem Schlosstor. Das war genau um eine Minute vor Sonnenaufgang an einem Dienstag im August.
Eine Minute vor Sonnenuntergang am selben Dienstag hatte Prinz Paul schon die Grenze seines Vaterlandes erreicht, so schnell war er geritten. Naja: Er hatte ja auch den kürzesten Weg genommen, sonst hätte er bestimmt noch eine ganze Stunde länger gebraucht.
Paul überschritt also die Grenze seines Landes. Er drehte sich noch einmal um und winkte zurück.
„Warum winkst du?“, fragte plötzlich jemand hinter ihm.
Paul sah sich erschrocken um. Auf einem Pferd saß ein junger Mann, der eine Ritterrüstung trug. Aber was für eine Rüstung! Sie hatte lauter Dellen und Rostflecke. Außerdem war sie dem Mann viel zu klein, so dass er sie an den Seiten nicht richtig verriegeln konnte, sondern mit Stricken zusammengebunden hatte.
„Warum winkst du?“, fragte der seltsame junge Mann noch einmal. „Da steht doch gar keiner.“
„Ich winke meinem Vaterland einen Abschiedsgruß zu“, antwortete Prinz Paul.
„Ach so“, sagte der Fremde. „Und was hast du in der Ferne verloren?“
„Ich habe nichts verloren. Aber ich möchte gern etwas finden. Ich suche die Prinzessin mit dem schönsten Namen“, gab Paul Auskunft.
Da seufzte der fremde Mann. „Du willst also auch an den Hof des Königs Eisenhut vom Ritterstern.“
Paul hatte noch nie von diesem König gehört und fragte deshalb, was es bei ihm so Interessantes geben würde.
„Das weißt du nicht?“, staunte der Mann mit der verrosteten Rüstung. „König Eisenhut vom Ritterstern verheiratet seine beiden Töchter Jasmina und Viola. Er will sie den beiden Recken vermählen, die in der Lage sind, die drei Aufgaben zu erfüllen, die er ihnen stellen wird.“
„Das klingt ja richtig gut“, freute sich Paul. Er hatte gelernt, dass die meisten Prinzen erst schwierige Aufgaben erfüllen mussten, ehe sie ihre Prinzessin heiraten durften.
Der andere seufzte noch einmal.
„Was ist denn mit dir los?“, wollte Prinz Paul wissen. „Findest du es nicht interessant, Abenteuer zu erleben?“
„Nein“, sagte der Mann. „Ich bin ein Dichter, kein Krieger.“
„Aber jede Prinzessin will lieber einen starken Kämpfer zum Ehemann haben. Damit er sie gegen Feinde verteidigen kann“, sagte Paul. Das hatte er in der Schlosschronik gelesen.
„Ich habe aber keine Feinde, gegen die ich meine liebste Viola verteidigen müsste“, sagte der andere. „Ich bin ein Dichter und Sänger, musst du wissen. Alle Menschen mögen mich und meine Lieder. Und am allermeisten mag mich meine Viola.“
„Ach so!“, sagte Paul. „Vielleicht redest du mal mit dem König“, schlug er vor. „Wenn Prinzessin Viola dich so gern hat, dann musst du vielleicht gar keine Aufgaben mehr lösen.“
„Viola hat schon mit ihrem Vater gesprochen“, seufzte der Dichter. „Aber er sagte, dass er seine Tochter niemals einem Mann geben würde, der feige ist und die Aufgaben nicht lösen will. Also habe ich mir von zu Hause meine alte Rüstung geholt und mein letztes Geld ausgegeben, um mir ein Schwert zu kaufen. Ich werde jeden Kampf wagen, um meine geliebte Prinzessin zu erringen! Und wenn ich sterbe, wird auf meinem Grab stehen: Prinz Alexander aus dem Silbertal schenkte Herz und Leben dem schönsten aller Mädchen, der lieblichen Prinzessin Viola vom Ritterstern.“
Er klang dabei so traurig, dass Paul Mitleid bekam. „Wie wäre es“, schlug Paul deshalb vor, „wenn wir gemeinsam zu König Eisenhut vom Ritterstern reiten? Vielleicht können wir uns gegenseitig helfen. Dann kriegst du deine Viola und ich heirate Jasmina.“
Prinz Alexander aus dem Silbertal gefiel diese Idee sehr gut. Am liebsten wäre er sofort weitergeritten, aber Pauls Pferd war so erschöpft von dem langen Tag, dass die beiden Prinzen beschlossen, im nächsten Gasthaus, auf das sie treffen würden, zu übernachten.
Sie hatten Glück, denn schon nach zehn Minuten stießen sie auf ein Haus, an dem ein großes Schild angebracht war. „Zimmer frei!“ stand darauf. Also stiegen Paul und Alexander von ihren Pferden und traten durch die Tür.
Und was sahen sie da? Zuerst einmal gar nichts, denn es brannte kein Licht in der Gaststube. Paul machte einen Schritt vorwärts und stolperte über einen Hocker. Er versuchte, sich irgendwo festzuhalten, und riss dabei einen großen eisernen Ständer um.
„Au!“, rief Alexander, der den Ständer auf den Fuß bekommen hatte. Er bückte sich und hob das Gerät auf. Es war ein großer Kerzenhalter.
Paul kramte seine Streichhölzer aus der Hosentasche und zündete die Kerzen an. Es wurde etwas heller in dem Zimmer. Die Prinzen konnten jetzt Tische und Stühle sehen. Einige davon waren umgekippt. Überall lag eine dicke Staubschicht.
„Das ist aber nicht sehr gemütlich“, stellte Alexander fest.
„Na und!“, sagte eine dünne Stimme aus der Ecke heraus. „Du musst ja nicht hierbleiben!”