Rezension zu „DDR-Führer“

erschienen in „Das Lindenblatt 2013“
(„DDR-Führer“ ist das Begleitbuch zur ständigen Ausstellung im „DDR Museum“ in Berlin)

„Informative Reise in einen vergangenen Staat“

(11. 7. 2012) Die ständige Ausstellung im „DDR Museum“ in Berlin gilt nach eigenen Aussagen der Macher als die interaktivste Ausstellung Europas. Für mich kein Pluspunkt. Die Behauptung, man betrachte die DDR als Ganzes, reduziere das Spektrum nicht auf Stasi & Co, machte mich schon eher neugierig. Als Vorgeschmackgeber stöberte ich aber erstmal im „DDR-Führer“, dem Buch zur Dauerausstellung des Museums. Das sollte, so das Versprechen, auch losgelöst von der Ausstellung eine interessante, breitgefächert informative Lektüre sein.

Herausgeber Robert Rückel, seines Zeichens Museumsdirektor, ist es in der Tat gelungen, ein breitgefächertes Spektrum des DDR-Lebens abzubilden. Stasi „findet“ darin auch statt, aber eben nicht als das ständig präsente Monster, als das man sie in den vergangenen Jahren so oft verkauft hat. Ganz sicher haben Menschen – und zwar mehr, zum Teil sehr viel mehr, als dem DDR-Normal-Bürger bewusst gewesen war – Probleme unmittelbar mit der Staatssicherheit gehabt, aber die allermeisten Menschen hatten mit anderen Dingen zu kämpfen. Und so beginnt das Buch zwar auch mit Stasi & Co, gleitet dann aber zu ganz alltäglichen Dingen wie Jugend in der DDR, Schrebergärten, Plattenbau, Urlaubsreisen, Ehe und so weiter.

Das passiert in sehr kurzen, sehr zusammengefassten und damit (mir mitunter etwas zu) verallgemeinerten bzw. einseitigen, immer reich illustrierten und zum Teil mit Statistiken untermalten Artikeln. Abgesehen vom Anfang, wo von „Schubladen in der Mauer“ und anderen museumsspezifischen Dingen gesprochen wird, kann man das Buch tatsächlich auch ohne Besuch der Ausstellung gut durchschmökern. Dass es ein Museumsführer ist, bleibt dennoch spürbar, denn wie bei solchen thematisch umfassenden Ausstellungen zu erwarten kommt man in so kurzen Beiträgen eben nicht ohne Verallgemeinerungen und festgelegte Blickrichtungen aus. Und obwohl ich, die ich in der DDR aufgewachsen bin, zwar manchmal das Gefühl hatte, dass „meine Seite“ fehlt, empfand ich es im Großen und Ganzen als realistische Darstellung, die ohne die üblichen massiven Übertreibungen auskommt.

Der grundlegende Unterschied zwischen meiner Erinnerung und dem Buch: In dem Buch bekommt man gelegentlich den Eindruck, als hätten die DDR-Bürger quasi alle bewusst und gezielt nach vorhandenen Nischen gesucht und sich welche geschaffen, die ihnen das System nicht von selbst bot. Als wären sie alle irgendwie in Opposition gewesen, nicht direkt offen politisch, aber irgendwie eben doch. Dabei lief vieles eher instinktiv ab, man ging halt die Wege, die gangbar waren. Man kann das Buch auch in dieser Weise lesen – der Stil gibt das durchaus her – und die Bezüge zu „Ursachen“ als psychologische Hintergrundanalyse für dieses „halt diese Wege gehen“ sehen. Man sollte es sogar so lesen, nicht nur, weil es eben genauso gedacht ist.

Alles in allem empfand ich das Buch als informativ, auch wenn es für mich natürlich eher ein Auffrischen von Wissen war. Der Stil, der ohne Pathos, Geifer und die üblichen „DDR-Anekdoten“ auskommt, ist erfrischend sachlich. In seiner Verallgemeinerung wirkt er mitunter museal-lebensarm, was umgekehrt aber eben auch zur Objektivität des Gesagten beiträgt. Nein, ein Thriller ist das Büchlein nicht, aber ein sehr empfehlenswerter Einstieg für alle, die wissen (oder sich erinnern) wollen, wie es wirklich war …


Robert Rückel (Hrgs.): „DDR-Führer – Reise in einen vergangenen Staat“, Das Buch zur Dauerausstellung des „DDR Museum“;
DDR Museum Verlag;
2., komplett überarbeitete und erweiterte Auflage Mai 2012;
154 Seiten; ISBN 978-3-939801-16-0


 

„Das Lindenblatt 2013“


„Das Lindenblatt“ ist als Jahresschrift für Schöne Literatur deklariert und steht in jedem Jahr unter einem anderen Titelthema. Der dritte Jahrgang (2013) konzentriert sich auf Text zum Thema Arbeitswelt.

Im Impressum des Buches und auf der zugehörigen Website www.das-lindenblatt.info erfährt man, dass die Literaturzeitschrift auf Initiative des Freien Deutschen Autorenverbandes Thüringen hin im Arnshaugk Verlag erscheint. Zum einen enthalten die Bücher erzählende Texte diverser Genres und Lyrik – also Belletristik im engeren Sinne –, zum anderen werden journalistische Beiträge vom Veranstaltungsbericht über die Rezension bis zum Essay abgedruckt.

Soweit zur sachlichen Information. Mein Bild vom „Lindenblatt 2013“ ist sehr zwiegespalten. Zum einen schätze ich Ambitionen zur Unterstützung heutiger Autoren, zum anderen ist das aber nicht mit niedrigeren Ansprüchen an das Handwerk „Büchermachen“ verbunden. Beispiel: Wer 2013 noch penetrant alle Texte in alte Rechtschreibung umeselt, dem nimmt man kaum ab, dass er sich moderne Literatur einsetzt. Ich habe mich, das gebe ich zu, geärgert, dass auch meine Rezi dadurch mit einer Staubschicht von Gestrigkeit überzogen wurde. Bei dem Thema (DDR) doppeldeutig und fern meiner Intensionen.

Unabhängig davon ist das Buch keine echte Schmökerware, sondern eher was für Leute, die Lesearbeit nicht scheuen. Das hängt zum einen mit der Mischung der Textarten zusammen, zum anderen mit der Qualität der Texte und nicht zuletzt auch mit einem unglücklichen Satz (zu zarte Schrift, fehlende Einzüg e).

Schade.