„Verschwörung der Christkinder“

Die Geschichte eine Befreiung,
erschienen in „Entdeckungen“

Sie sind Christkinder; geboren mit den Genen, die man Jesus zuschreibt. Und man erwartet von ihnen die Rettung der Welt. Sie haben jedoch andere Pläne.

„Verschwörung der Christkinder“ – Leseprobe

Es war warm im Dezember 2054, viel zu warm. Die Menschen bereiteten sich auf das Weihnachtsfest und auf die Geburt Jesu vor. Sie schmückten Häuser und Straßen mit Tannengrün und Kerzen, versorgten sich mit Weihrauch und Myrrhe und kramten die Rezepte für Hirtenfladen mit Sesam hervor. Wer irgend über Zeit und Geld verfügte, hatte sich längst in Sydney oder Umgebung ein Hotelzimmer gebucht und ließ sich nun das passende Gewand schneidern. Wer nicht so gut betucht war, zahlte noch schnell Strom- und Medien-Rechnung, um wenigsten per Bildschirm bei den Begrüßungsfeierlichkeiten dabei sein zu können: Zum ersten Mal seit fünfzehn Jahren sollte wieder ein Christkind am Heiligabend das Licht der Welt erblicken.
Jesus Deutschmann wandte sich zu Maria Alvarez um. Die strich sich über den gewölbten Leib.
„Wie geht es dir?“, fragte Deutschmann.
„Gut. Danke. Uns geht es gut.“
Deutschmann lächelte. „Bereust du, mit uns gekommen zu sein?“
„Wie könnte ich?!“
„Wegen des Ruhmes, der dir entgeht?“, fragte Deutschmann und wies auf den Fernseher. Zum millionsten Mal berichtete man von den Vorbereitungen in Sydney, interviewte Gläubige und Neugierige, Theologen und Biologen und vergaß auch nicht, die Sicherheitsvorkehrungen über den grünen Klee zu loben.
Deutschmann musste grinsen. „Zu spät, Freunde“, dachte er. „Viel zu spät!“
Das Gesicht von Pater Grigorius erschien auf dem Bildschirm. „Der Gute“, dachte Deutschmann voll Zärtlichkeit und stellt den Ton lauter.
„… hohe Erwartungen. Als vor dreizehn Jahren zum ersten Mal die Kunde um die Welt ging, ein Knabe mit dem Erbgut Jesu würde geboren werden, waren viele noch skeptisch. Inzwischen ist unbestritten, dass der Leichnam, dessen DNS jenes Kind formte, unser Heiland Jesus Christus gewesen war, und dass die Botschaft der neuerlichen Wiederauferstehung sich erfüllt hatte.“
„Ja aber“, gab der Reporter sich kämpferisch, „warum hat man es damals nicht bei einem Jesus belassen? Warum hat man bis zum Brand in den Henderson-Laboratorien Jahr für Jahr ein neues Christkind erschaffen?“
„Die Welt ist groß“, orakelte Pater Grigorius. Natürlich konnte er nicht sagen, dass man schlichtweg nicht sicher gewesen war, dass der erste Klon die ersten zwei, drei Lebensjahre überstehen würde. Zu obskur waren die Erklärungen des jungen Henderson gewesen, wieso ausgerechnet seine, ihm angeblich im Schlaf zugeflogene Kloning-Technik, dauerhafte Ergebnisee bringen sollte. Deshalb auch die ersten drei Kopien. Ab der vierten war es dann fast schon soetwas wie Routine gewesen.
„Und warum konnte die Henderson.-Stiftung das nicht gleich sagen? Dass sie für jedes Land einen Jesus machen wollte? Warum die Geheimhaltung über die folgenden Geburten?“, stellte der Reporter die Frage, die damals schon gestellt worden war und seitdem immer wieder auftauchte. Die Schockwirkung darüber, dass es nunmehr nicht nur einen Neuen Jesus gab, hatte im November 2023 alle Weihnachtsvorbereitungen der Christen beeinträchtigt. Man fragte sich und den Vatikan, ob die Erhabenheit des Ereignisses denn noch gewährt sei, ob die Bedeutung der Ankunft Christi auf Erden nicht dadurch geschmälert worden war, dass es seitdem achtmal geschehen war und ein neuntes Mal in Aussicht stand. Der Vatikan war in Erklärungsnot geraten, vor allem da er selbst von den Ereignissen überrollt worden war. Natürlich stand der Orden sofort mit einem Angebot bereit. Noch eine Überraschung mehr für den Vatikan, hatte man dort doch angenommen, der „Beschützer der Heiligen Familie“, als der sich der Orden verstand, sei schon vor einigen Hundert Jahren der Geheimen Inquisition zum Opfer gefallen. Aber er war noch da, einflussreicher als je zuvor und zähneknirschend musste Innocenz XIV. in Ermanglung einer eigenen, schnell zu Verfügung stehenden Verlautbarung die Worte des Ordens in den Rang päpstlicher Verkündung erheben.
„… benachteiligt gefühlt“, wiederholte jetzt Pater Grigorius die damaligen Argumente. „Sie erinnern sich sicher, dass Brasilien sofort Anspruch erhob, das sich der neunte Jesus um die Probleme Brasiliens kümmern sollte, während kurioserweise aus einigen islamischen Staaten ganz ähnliche Forderungen laut wurden. Dabei ging es nie um die Zuteilung göttlichen Beistandes an jedes Land, das ist ein großes Missverständnis. Alle dem Ersten folgende Brüder des Neuen Jesus waren …“
Deutschmann klickte den Ton aus. Er kannte das alles. Und er kannte inzwischen auch die Hintergründe. Leute wie sein Ziehvater Johannes Deutschmann mochten tatsächlich geglaubt haben, dass die anderen Jesusse geschaffen wurden, um dem Ersten ebenbürtige Helfer zur Seite zu stellen. Ihm selbst war dies nie recht glaubhaft erschienen, und je öfter und eindringlicher man es ihm und seinen Brüdern klarzumachen versuchte, desto sicherer wurde er sich, dass der Orden einfach nur Ersatz haben wollte, falls einer der „Söhne“ ihrem Spiel nicht mehr zu folgen gedachte.
Deutschmann sah auf Marias Leib. Ein Tritt des Ungeborenen beulte ihn aus. „Er will raus“, vermutete Deutschmann.
„Es scheint so"“, lächelte Maria. „Es sind ja auch nur noch zehn Tage.“
„Ja“, sagte Deutschmann. „Noch zehn Tage bis Heiligabend.“

Noch zehn Tage bis Heiligabend und keine Spur von Maria Alvarez. Siegbert Heller tobte. Seine Untergebenen zogen die Köpfe ein, aber es nützte ihnen nichts. „Vollidoten!“, brüllte Heller. „Die Frau ist hochschwanger, die rutscht doch nicht einfach so durch eine Ritze, verdammt! Und überhaupt: Lasst euch die Daten unterm Arsch wegklauen! Kopie im selben Büro aufbewahrt, welcher Hirnamputierte macht denn sowas?! Habt ihr wenigstens noch eine Probe auftreiben können?“
„Nein, Sir“, meldete einer der Männer kleinlaut. „Auch die Geheimtresore wurden geplündert.“
Heller schnappte nach Luft. „Das - ist- doch - nicht - Ihr - Ernst - Jagalow.“
„Doch, Sir. Leider. Es muss einen Informanten im inneren …“
„Dann finden Sie ihn!! Und zwar pronto!“
„Sir, wir vermu…“
„Ist mir egal, was Sie vermuten, ich will das Leck! Ich will die Frau!“
„Sir, alles spricht dafür, dass Pater Grigorius …“
„Grigorius?" Heller starrte Jagalow an. „Sind Sie jetzt völlig verrückt geworden?!“
„… es gibt Indizien, Sir“, nuschelte Jagalow und trat vorsichtshalber einen Schritt zurück.
„Indizien?? Ich warne Sie! Der Pater ist von Beginn an an meiner Seite! Er liebte die Jesusse, ihr Tod bei dem Brand hatte ihn schwer getroffen. Unterstehen Sie sich, ihm den Brand zu Last zu legen! Pater Grigorius hat alles getan, damit sowas nicht noch mal passiert! Er hat maßgeblich am neuen Sicherheitssystem …“ Heller stockte. Eine Erkenntnis brach sich Bahn und seine Wut machte Lauern Platz. „Was für Indizien?“
Jagalow fühlte sich wieder Oberwasser bekommen. „Es gibt Ungereimtheiten im Zusammenhang mit dem Brand bei Henderson", erklärte er. „Und überall, wo wir noch eine DNS-Probe auftreiben wollten, ist er schon vorher gewesen. Er ist auch oft mit der Alvarez allein gewesen, sie haben sich vielleicht abgesprochen.“
„Dann weiß er, wo sie ist …“
„Das ist gut möglich, Sir. Er ist ja auch ihr Beichtvater.“
„Ich dachte, das war einer unserer Leute …“
„Wir hielten Grigorius für einen unserer Leute, Sir. Deshalb schien es uns nicht wichtig, dass sie nie bei Pater Pius beichten ging, sondern nur zum Beten nach St. Angela kam, Sie wissen ja, dass Pater Grigorius …“
„Schafft ihn her! Schafft diesen … Schafft Grigorius her!“


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