„Kartoffelernte“

Die Geschichte eines Irrtums,
erschienen in „Man gönnt sich ja sonst nichts …“

Alfons Bärbecker ist Entwicklungsbeauftragter. Auf Weganen ist die Aufgabe nicht nur einfach, sondern trifft auf Bärbeckers größte Leidenschaft: Er soll den Ernährungszustand der Weganener verbessern, indem er sie mit Anbau und Nutzung von Kartoffeln vertraut macht. Die Bedingungen sind ideal. Und trotzdem geht das Unternehmen schief. Schrecklich schief …

„Kartoffelernte“


Die Aufgabe war simpel: Alfons Bärbecker hatte nichts weiter zu tun, als den Weganenern zu zeigen, wie man Kartoffeln anbaute. Das Klima auf dem mittleren Kontinent war hervorragend dafür geeignet. Es war gleichmäßig warm, weder zu nass noch zu trocken und der Boden war ausgesprochen fruchtbar. Und Bärbecker war der beste Mann für den Job, denn er war vernarrt in Kartoffeln. Er kannte alle Sorten: welche Tricks beim Anbau halfen, wann der beste Moment für die Ernte war und natürlich, wie man die Erdäpfel zubereitete. In den besten Restaurants hatte er sein Können unter Beweis gestellt und nun würde er diese Segnung der menschlichen Zivilisation nach Weganen bringen.

Wie gesagt: Bärbecker war Kartoffelspezialist und so fiel es ihm nicht schwer, schon nach einem Tag die passenden Saatkartoffeln auszuwählen. Er entschied sich für die Sorte „Himmelsrot“. Er hatte sie selbst gezüchtet und auf vielen Kolonieplaneten Terras heimisch machen können. Selbst unter widrigen Bedingungen erbrachte „Himmelsrot“ noch akzeptable Ernten, vor allem hatte ihr aromatisch mehliger Geschmack sich als kaum von den Wachstumsbedingungen beinflussbar erwiesen.

Vor fünf Monaten also hatte Bärbecker auf einem kleinen Stück Acker, den die Dorfbewohner ihm überlassen hatten, die kleinen rötlichen Knollen in den Boden gelegt. Er hatte Unkraut gezupft und als die Pflanzen zu sprießen begannen, nach und nach die Dämme angehäufelt. Die Feldarbeit beschäftigte ihn täglich zwei bis drei Stunden. Dann widmete er sich der kulinarischen Seite seiner Mission und führte den Weganenern vor, wie sie auf ihren Herden die Vielfalt der Erdäpfel nutzen konnten. Mit Freude hatte er feststellen können, dass die um die zwei Meter großen, hageren Geschöpfe mit der bleichen Haut und dem flaumdünnen Haar wirkliche Genießer waren: Was immer er aus den Kartoffeln aus seinem Vorrat zauberte – die dürren Riesen verputzten es. Sie waren so versessen auf Kartoffelspeisen, dass sie Bärbecker jeden Morgen von seiner Unterkunft am Schiff abholten und ihm die schweren Kartoffelstiegen ins Dorf trugen. Sechszehn, manchmal auch zwanzig Kilo Kartoffeln pro Mahlzeit verdrückte die knapp fünfzigköpfige Dorfgemeinschaft – als Beilage zu Fleisch, Fisch und Gemüse. Und was immer Bärbecker zubereitete, aßen die Weganener mit einem Ausdruck von Entzücken auf ihren bleichen Gesichtern restlos auf.

Das Einzige, woran sich Bärbecker nur mühsam gewöhnen konnte, war die Stille an der Tafel. Kein Ah! oder Oh! kam über die Lippen der Weganener, zumindest keines, das der Mensch hätte hören können. Natürlich gab es Übersetzungsgeräte, die die Ultraschalltöne der weganenischen Sprache erfassen, analysieren und ins Englische übersetzen konnten. Sie machten es allerdings derart unzuverlässig, dass sie mehr Missverständnisse produzierten als vermieden. Ohnehin verfügten die Weganener über eine so sensible Wahrnehmungsfähigkeit, dass sie aus winzigen Gesten, der Mimik und dem Wenigen, was sie von der menschlichen Sprache hörten, die offenbar immer richtigen Schlüsse zogen. Und irgendwie hatten sie auch geschafft, den ersten Menschen auf ihrem Planeten eines deutlich zu machen: Wir wollen Kartoffeln!

Alfons Bärbecker verstand dieses Ansinnen. In den vielen Kartoffelsorten, die er mitgebracht hatte, schlummerte eine kulinarische Vielfalt, die jeden entzücken musste. Außerdem vertrugen die Weganener kein Getreide. Ihre bisher einzige halbwegs ergiebige Stärke-Quelle war eine wild wachsende Wurzel. Kurz bevor sie einen Blütenspross trieb, schob sie die Austriebsstelle aus dem Boden hervor. In diesem Zustand wurde die Wurzel geerntet. Vorher, so wusste Bärbecker, war die Pflanze hochgiftig. Doch auch in reifem Zustand bot sie keinen Genuss. Bärbecker schüttelte sich beim bloßen Gedanken an den grauen Brei. Klar, dass die wohlschmeckenden Kartoffeln den Weganenern gerade recht kamen. Ja, es sah fast so aus, als hätten die dürren Riesen während Bärbeckers Pommes-Marathon schon ein paar Gramm zugelegt. Auf jeden Fall kamen sie ihm lebendiger vor als bei seiner Ankunft. Damals entsprachen seine Weganener, wie Bärbecker die Dorfbewohner gern nannte, ganz dem Bild des typischen Weganen-Eingeborenen: phlegmatisch und auf äußerste Energierationierung bedacht. Inzwischen verging kaum ein Abend, an dem sich die Gemeinschaft nicht auf dem Dorfplatz versammelte und in wahre Tanzorgien verfiel. Oft dauerten diese bis spät in die Nacht, Bärbecker hatte längst aufgegeben, da mithalten zu wollen.

So verging die Zeit. Die Kartoffelpflanzen gediehen prächtig. Das üppige Grün ließ das Futtergetreide auf dem Nachbarfeld spärlich aussehen. Einmal hatte Bärbecker eines der weganenischen Lila-Schweine verscheuchen müssen. Er hatte versucht, den Weganenern klar zu machen, dass sie auf die Tiere aufpassen müssten, wenn sie sie aus dem Stall ließen, war damit jedoch auf Unverständnis gestoßen. Selbst das Argument, dass dann nicht mehr so oft eines der Schweine spurlos verschwinden würde, beeindruckte die Dorfbewohner nicht. Vielleicht begriffen sie nicht, was Bärbecker meinte, mit Händen und Füßen ließ es sich auch schlecht erklären. Als Bärbecker das Übersetzungsgerät zur Hilfe nahm, behauptete dies, die Weganener gäben zur Antwort, dass es unschicklich sei, einem Schwein beim Fressen zuzusehen. Was natürlich Unsinn war, denn die Dorfbewohner beobachtenen ihre Tiere im Stall gerade beim Fressen sehr genau, um Veränderungen sofort zu bemerken. Nachdem dieser Kommunikationsversuch also gescheitert war, baute Bärbecker einen Zaun um seinen Kartoffelacker. Die Weganener halfen ihm dabei.

Und dann endlich kam der große Tag. Gerade zur rechten Zeit – die Kartoffelvorräte an Bord des Frachters schrumpften merklich – würde Bärbecker die ersten weganenischen Knollen ernten. Mit großen Gesten lud er seine Weganener an den kleinen Acker ein. Das Laub der Pflanzen war welk zusammengesunken, die Knollen jedoch – Bärbecker hatte am Abend vorher heimlich die Probe gemacht – waren groß, rund und prall.

Als sich alle achtundvierzig Dorfbewohner in einem dreireihigen Halbkreis um Bärbecker aufgebaut hatten, schritt dieser zur Tat: Er griff zur Grabegabel, stieß sie in die Erde und hebelte die nächstbeste Pflanze hoch. Er zog das Kraut aus dem Boden, überzeugte sich, dass keine Knolle an den Wurzeln hing, und tauchte seine Hände tief in die duftenden Erde. Er fühlte das Rund von ein paar großen Kartoffeln, griff danach und holte die Erdfrüchte andächtig an Licht. Bärbecker wandte sich um, damit die Dorfbewohner die historischen ersten Weganenischen Kartoffeln sehen konnten. Sie würden – dessen war sich er sicher – die Bedeutung dieses Momentes rasch erfassen. Sie würden ihn mit Hochachtung im Blick, ja Ehrfurcht ansehen. Im diesem Vorgefühl hob er triumphierend die Kartoffeln und …

… erstarrte. Die Weganener sahen ihn an und sahen auf die erdigen Hände hoch über seinem Kopf. Sie sahen auf die aufgewühlte Erde und dann in Bärbeckers Gesicht. Einem der Weganener war das übliche Lächeln im Gesicht eingefroren, die anderen waren das vielfach personifizierte Nichtverstehen.

Der Moment zog sich in die Länge, wurde unerträglich. In der hinteren Reihe bewegte sich jemand. Er schien etwas zu sagen, denn einzelne Blicke wandten sich ihm zu. Doch statt Freude zeichnete sich Besorgnis in den Gesichtern ab. Vielleicht hielten sie ihren terranischen Freund ja für übergeschnappt.

Er musste wohl deutlicher werden. Bärbecker klaubte alle Kartoffeln, derer er im aufgeworfenen Boden habhaft werden konnte, zusammen, legte sie demonstrativ in die mitgebrachte Stiege und ging damit zum Brunnen. Dort wusch er die Knollen lange und sorgfältig. Mit jeder Kartoffel, die er dieser Prozedur unterzog, stieg die Aufregung unter den Dorfbewohnern, doch Bärbecker ließ sich nicht beirren: Wenn er aus dieser Ernte erst einmal leckere Dämpfkartoffeln gezaubert hatte, würde er der Held des Dorfes sein. Ach was: Der Held des ganzen Planeten! Er würde …


Zu mehr kam Alfons Bärbecker nicht mehr: Ein Stein traf ihn am Kopf, Bärbecker verlor das Bewusstsein. Die Dorfbewohner schlugen noch ein paar mal kräftig mit Holzscheiten zu. Dann zerrten sie den Menschen vom Brunnen weg, vom Dorf weg, hin zu dem großen Kasten, mit er gekommen war. Sie trugen ihn hinein, schlossen die Tür und verrammelten sie mit einem Knüppel.

Dann gingen sie in ihr Dorf. Sie sammelten alle Kochutensilien ein, die der Fremde benutzt hatte, und warfen sie in die Opfergrube am Waldrand – jedes Stück einzeln und jedes von einem gemurmelten Nimm-An-Gebet begleitet. Sie rissen den Zaun um den Kartoffelacker nieder, trieben ihre Schweine auf das Feld und eilten sich, fortzukommen. Als die grüne Sonne sich sinkend rot färbte, entzündeten sie ein Feuer, um das sie zu tanzen begannen. Sie sangen ein Vergebungsgebet an die Göttin der Erde, sangen es wieder und wieder und hofften, die Alles Nährende Mutter würde ihnen irgendwann verzeihen, dass sie ihren Schoß entweiht und eine Frucht gegessen hatten, die die Erde noch nicht herzugeben bereit gewesen war.


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